aus dem Steinreich II
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Bösartig lang anhaltender Winterregen, daran anschließender, den Erdkern des Turmes als Sprengsatz nutzender Frost und eine wohl noch nicht ausgereifte Technik meinerseits ließen
auch den zweiten Turm auf dem Grundstück von Frau Bauermeister zusammenstürzen.
So setzte ich versuchsweise, bei Wind und
Wetter in Ursulas Garten einen Turm, ohne ihn mit
Erde zu füllen.
und, weil mir das nicht reichen wollte, gleich daneben
einen zweiten und einen kleinen dritten.
Erst dann, also im März 2012 ging's wieder in den
Garten von Mary Bauermeister. Der Turm wuchs ...
diesmal unter Zuhilfenahme von Mörtel, innerhalb
von 3 Wochen auf ungefähr 4,5 m Höhe.




So, und jetzt gehört noch eine wichtige Geschichte hierher: Baute ich den ersten Turm,
erzählte ich Frau Bauermeister, dass die Geschichte gehe, dass der gesamte von Klaus Störtebeker und seinen Leuten zusammengeraubte Schatz geschmolzen und in den
Hauptmast seines Flagschiffes gegeben worden sei; ich stellte mir vor, dass man in den
Turm von einem Kind etwas versenken lassen solle, von dem nur das Kind wisse, was es ist - wir würden später nur erzählen, wie wir gesehen hätten, was das Kind tat. Und die, welche unsere Geschichte hörten, würden sie weiter erzählen, und zwar (mit allen Veränderungen)
so, bis auch von diesem Turm bald gesagt würde, dass er einen
sagenhaften Schatz beherberge.
Frau Bauermeister fand die Idee gut, aber zu mehr als einer Krönung dieses ersten
Turmes mit einem Bergkristall kam es nicht.
Vielleicht musste er deshalb sterben...

Nun steht ein neuer hoher Turm und bekam kurz vor seiner Fertigstellung Besuch von drei Kindern, die alle nacheinander auf die Leiter stiegen und etwas ins Innere gaben, von dem
nur sie wissen:
Henry
Floyd
Lily
So, das war's - mit diesem Turm.
Und sollten die Kinder aus irgendeinem Grund
nicht mehr wachsen dann werden sie den Turm
ihr Leben lang so hoch sehen:
Bei Wind und Wetter weiter mit dem nächsten. In ihn wurden nicht
nur Steine aus dem Fundus Mary Bauermeisters integriert,
sondern auch Prismen und Linsen, für die sie keine Verwendung
mehr hatte. Und der Turm wurde eine tanzende Sie. Wenn man will,
kann man sie von innen leuchten lassen.
Sie ist die Braut des ersten Turmes, der zwar auch zur Hochzeit
geschmückt ist, aber in der Öffentlichkeit nicht tanzen will.
Nia kam am 4. Mai vorbei, um dem dritten Turm ...
durch eine Öffnung ihr Geheimnis anzuvertrauen
Mit seinen knapp 5 Metern Höhe und einem ihn krönenden
Bergkristall ist er der Schutzengel des steinernen
Brautpaares.
Zwei Geschichten, die aus meiner Sicht noch unbedingt zu den Türmen in
Mary Bauermeisters Garten gehören:


1.
Um solche Türme bauen zu können, braucht man selbstverständlich Steine, möglichst flache Steine.
Und die gibt es naturgemäß am Wasser. Also fand ich welche in den Bächen und Flüssen
des Bergischen Landes, in der Eifel und am Rhein.
Da die Menge Steine, welche ich von überall heranschleppte, nicht ausreichen wollte, gab mir Mary auch welche aus ihren Sammlungen aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Italien, Griechenland und sonstwo - es ist also auch eine ganze Menge Mary Bauermeister in die
Türme gekommen.
Aber zurück zu den Steinen aus dem Rhein: die besten und mir am leichtesten zugänglichen fand ich am Ufer in direkter Nähe zum Deutzer Messegelände in Köln. Ab und zu auch noch mittlerweile stark verrostete Stücke, wie man sie braucht, um Menschen niederzumachen, z.B. von Flugzeugmunition und Stabbrandbomben. Aber auch schlicht und einfach Pflastersteine.
Wie kommen denn Pflastersteine hierher? Ach ja, natürlich von der Messe; nach dem Krieg musste ja so manches "auf den neuesten Stand" gebracht werden, diese Steine wurden
am Ufer "entsorgt".
Und wie war das mit der Messe während des III. Reiches? Da wird der Besuch ja nicht so international gewesen sein, oder?
Naja, nicht so überwältigend international, denn: ab 1940 wurden die Messehallen als Zwischenlager für Juden und Zigeuner nicht nur aus Deutschland, sondern z.B. aus
Belgien, den Niederlanden und Frankreich genutzt für welche bald darauf die Fahrt weiterging nach Auschwitz, Majdanek, Plaszow etc.. Und weil sie von ihrem Eigentum nicht sehr viel mitnehmen durften (Was will man z.B. mit einem Kleiderschrank in einer Baracke, in
welcher die Menschen eh schon so dicht zusammen gepfercht sind, dass es nur richtig sein kann, möglichst so mager zu sein, dass niemand sich daran stoßen kann?), gab es dort über Zwangsversteigerungen Möglichkeiten für manch' guten Kölner, ein nettes Schnäppchen zu machen.
Über die hier unten am Ufer des Rheines liegenden Pflastersteine gingen also einmal jede
Menge Menschen (Männer, Frauen, Kinder), von denen wohl viele noch nicht glauben konnten, dass es mit ihnen bald ein gewaltsames Ende habe.
Tausende Schritte von zu schlimmem Sterben Verdammter.
Man sieht es diesen Steinen nicht an, aber ich fühle es: diese Steine haben etwas in sich aufgenommen von denen, die man als Vernichtenswert erachtete.
Sollte ich diese Steine mit in meine Türme aufnehmen? Sollte ich die Türme mit diesen Geschichten befrachten, wo doch diese Türme auch für Ausgeglichensein stehen sollen?
Ich entschied mich für ein Ja mit dem Zusatz, dass ich jedem, welchen die Türme
interessieren, nach Möglichkeit auch von den "Eindrücken" eben dieser Steine erzähle.
Warum?
Ich hatte einfach Glück, nicht in die Zeit des III. Reiches geboren zu werden. Ich weiß,
wie sehr mein Vater noch heute glauben muss, dass damals die richtigen Lösungen getroffen wurden - und wohl auch deswegen sah ich ihn bisher nie in Ruhe. Ich weiß auch, dass mein Vater Glück gehabt hat, weder als Jude noch als Zigeuner in diese Welt geboren worden
zu sein. Ich weiß nicht, welchem Glauben ich damals gefolgt wäre, und es ist fast schon
egal, ob ich es hätte wollen oder müssen.
Doch weiß ich auch, dass, wenn meine Türme für Ausgeglichensein stehen sollen, ich darauf hinweisen muss, wie leicht es ist einer Spur oder einer Vorgabe meinetwegen auch nur stillschweigend duldend zu folgen, die einem die Gelegenheit für eben dieses Ausgeglichensein nimmt - auch wenn die Folgen dieses Folgens nicht gleich ein so offensichtliches Ausrotten
sein mögen. Diese Steine sagen mir: Pass auf, mach dich nicht schuldig!


2.
Der Geomanter, welcher just zu der Zeit bei Mary Bauermeister zu Besuch war, als ich den ersten Turmbau in Angriff genommen hatte, maß nicht viel anders als ein
Wünschelrutengänger für Wasser die Gegend aus, sagte, dass die Stelle für den ersten
Turm von mir gut gewählt sei und fragte, wo denn der zweite gebaut werden solle. Auch
gegen die von mir dafür gewählte Stelle hatte er nichts einzuwenden. Dann meinte er,
dass noch ein dritter Turm gebaut werden müsse. Die Stelle dafür fanden er,
Mary Bauermeister und ich gemeinsam.
Naja, alles irgendwie seltsam. Ich hatte noch nie vorher etwas mit Geomantern
zu tun gehabt. Esoterischer Quatsch. Dass man mit der Rute Wasser finden kann, das
weiß ich ja, das habe ich ja schon selber. Aber Geomantie mit all den Strahlungen und Strömungen und so? Okay, ich habe in der vorhergehenden Geschichte ja auch
(wenn auch indirekt) geschrieben, dass ich davon ausgehe, dass Steine Geschichte speichern können. Aber - war das hier nicht alles etwas übertrieben? War das nicht eher Stoff für eine Geschichte, in der Till Eulenspiegel, die Schneider aus dem Märchen "Des Kaisers neue
Kleider", Nasreddin Hodscha und Rasputin-Light für Feng-Shui-Abhängige vorkommen?
Da rennt dieser Kerl, also dieser Geomanter, doch plötzlich wie von der Tarantel
gestochen auf ein Ende des Grundstückes zu, bleibt vor dem Zaun stehen und sagt,
während er die Hand in eine bestimmte Richtung weisen lässt: "Ich merke das genau:
von dem Turm dort hinten geht eine enorme Strahlung aus. Und zwar knappe zwei
Kilometer in diese Richtung. Und von dort kommt ebenfalls eine sehr starke Strahlung,
es gibt eine Korrespondenz!"
Ja, lass' den mal reden. Ist schon in Ordnung. Schadet ja nix. Jeder Jeck ist anders.
Aber dann, dann überlegte ich mir doch, wo das denn sein könne, also die Stelle, von
der sogar eine Strahlung hierher käme.
Knappe zwei Kilometer Luftlinie.
Da ist meine Wohnung!
Und das konnte der nicht wissen, das konnte der Geomanter nicht wissen!