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Bild: Hebestreit

29.09.2012
Hier sind Text und Liste, welche ich zur Ausstellung "Wasser ist Leben"
im Rösather Freibad im September 2012 meinen sechzig Flaschen
Heiligen Wassers beigab.
(Originaltext und -liste wurden auf der Ausstellung geklaut - das ehrt mich.)


Wasser ist Leben

Von Ende August bis Anfang September 2012 knappe drei Wochen in der Bretagne, die
nicht nur mit Menhiren, Dolmen und anderen prähistorischen Relikten aufwartet,
sondern auch – und das ganz besonders - mit dem, was die Flüchtlinge vor den Sachsen, keltische Stämme oder auch nur größere Familien aus Großbritannien und Irland hier
gemeinsam mit denen schufen, die schon vorher den nun französischen Zipfel am Atlantik bewohnten und nicht immer gleich auf der Flucht sein mussten: neben Artus-Geschichten
jede Menge Kirchen und Kapellen, die bevorzugt in der Nähe von Quellen errichtet wurden
und denen man heilige und heilende Kräfte zusprach.
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Diese Quellen wurden in der Regel in Stein gefasst und bekamen einen Heiligen oder eine
Heilige dazugestellt, von welchen nur sehr wenige irgendwann einmal kanonisiert wurden –
oft „nur“ Regionalheilige, nicht selten Eremiten mit durchaus druidischem Charakter.
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Manche dieser Quellstätten wurden zu großen Wallfahrtsorten; viele erfuhren eine
Erweiterung ihres Wesens, indem man ihnen Viehtränken und/oder Waschhäuser
angliederte.
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Solche Quellen waren von mehr als nur Trink-, Koch-, oder Waschwasser produzierender Bedeutung; sie sprudelten für ein viel weiter gefasstes Leben. Hinter der Kirche leuchtete
oft noch der Glaube an eine Welt, in welcher der Papst ganz einfach weit weg und die
Figuren, welche man den Quellen zugesellte, zwar oft christliche Heilige genannt werden,
die aber hinter ihren steinernen Fassaden noch Gedanken tragen, die weit über das hinausgingen, was wir heute zum Beispiel mit Taufe und dem obligatorischen Weihwasser
in Verbindung bringen.
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Wie wichtig den Bretonen Wasser ist, sieht man heute daran, daß ihre Wassertürme höher
als jede Kirche und auf jeden Fall beeindruckender als die Gebäude deren Nachfolger, der
Banken sind und mit denen allenfalls die Hallen der vor den Städten gelegenen
Supermärkte konkurrieren können.
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Auf die Frage, wie denn der Name der Kirche im Ort laute, kam nicht selten die Antwort
„Eglise“ oder „Igliz“, wie´s auf bretonisch lautet.
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Auf die Frage, ob es denn in unmittelbarem oder weiterem Abstand zur Kirche oder der
Kapelle eine Quelle gäbe, wurde ebenso oft geantwortet, daß man davon nichts wisse.
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Nach einiger Suche war diese Quelle dann aber oft genug doch zu finden; oft verschlammt
oder mit Bierflaschen oder sonstigem fröhlichen Müll angereichert,oder ganz einfach ausgetrocknet.
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Manchmal kam es vor, daß ein dem Stadtstress vorübergehend zu entkommen suchender Schnellreichling in einem abgelegenen und dem Zerfall sehr nahen Dorf nahe einer Kapelle
ein Grundstück erwarb, um dort ein Haus aus der Packung aufstellen und in das mit der Wasserwaage ausnivellierte Rasenfeld einen Teich anlegen zu lassen, weil das eben ganz
einfach besser aussieht als so eine mit zwar offensichtlich behauenen, aber schon vergammelnden Steinen umgebene Wasserstelle, an der ja auch nicht einmal mehr die Figur
für den Heiligen steht, den so wie so keiner mehr kennt.
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Heilige, die mit ihrem Namen dafür bürgen, daß das Wasser unter anderem gegen Dauer-Melancholie (von mir aus auch Depression), Gliederreißen, Tollwut, Fallsucht oder
Kinderlosigkeit, aber auch im Rechtstreit mit dem Nachbarn hilft – eine Quelle gegen künstlerische Schaffenskrisen oder individualterroristischen Ideenklau fand ich nicht oder
habe sie als solche nicht erkannt.
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Manchmal gaben Schilder an der Straße Hinweise auf eine Kapelle irgendwo dort hinten
hinter dem letzten Weiler und in einer urigen, von mir aus auch romantischen, da an Artus
und Merlin und Feen erinnernde Landschaft mit Eichen im Nebel für gute Urlaubsbilder.
Oft waren diese Kapellen von außen hübsch renoviert, weniger oft die Fassungen der Quellen. Aber: waren die Fassungen wieder instand gesetzt, kam es vor, daß man sehen konnte,
daß die Quellen weiterhin oder wieder genutzt werden, und sei es nur, daß man sich dort
seines Kleingeldes entledigt (den Schutzheiligen für diejenigen, denen es eher ist, dieses Kleingeld wieder aus dem Wasser zu fischen, konnte ich nicht ausfindig machen).
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Eines Morgens und noch vor der Suche nach weiterem heiligen Wasser meinte ich meiner Freundin gegenüber, daß ich das Gefühl hätte, weil den Tag zuvor kein Finden stattfand,
heute auf eine Stelle zu stoßen, an der es fünf Quellen gleichzeitig gäbe und mir
Schwierigkeiten bereiten würden, weil sie mir ihren Namen nicht preisgeben wollten. Und
dann, nahe einem von fünf hinkenden, eitrigen und verlausten Hunden nur schläfrig
bewachten zerfallenden Chateau: fünf Quellen! Und die Namen dazu? Es dauerte tatsächlich etwas länger, bis ich endlich eine Tafel mit entsprechenden Hinweisen fand –
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Auch kam es einmal vor, daß an einer vom letzten Hof weit abgelegenen und von Brombeergerank fast eingeschlossenen, kaum mehr sichtbaren Quelle ein noch
frisch wirkender Blumenstrauß lag.
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Von sechzig Quellen nahm ich die Namen auf, zog Wasser aus ihnen in eine kleine Flasche,
den Zustand der Quellen fotografierte ich.
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Stellen, an denen zwar noch die entsprechende Ummauerung zu erkennen war, aber aus
denen kein Wasser mehr kam, wurden nicht dokumentiert – sie waren mir zu leblos.
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Das Wasser des Lebens brauchte ich nicht zu suchen; zu Hause stehen noch zwei angebrochene Flaschen Eau de Vie.

Hannes Lorenz


Nachgeschichte:

Wieder einmal wurde Mary Bauermeister auf meine Sache aufmerksam und bat mich,
nach der Ausstellung den Flaschen Proben entnehmen zu lassen, dass ihr Geomant
herausfinde, welche Heilkräfte die verschiedenen Wasser hätten - es solle ihm nicht
bekannt gemacht werden, welches Wasser zu welchem Heiligen gehöre.
Noch bevor die Proben genommen wurden, ließ Frau Bauermeister, die den Flaschen auf
der Ausstellung beigefügten Tafeln mit der Fotografie einer jeden Quelle fotografieren, da
ihr der Geomant gesagt habe, schon allein über diese Fotografien der Fotografien könne
er zu brauchbaren Ergebnissen kommen.
Heute ist der 11.2.2013, seine Ergebnisse stehen noch aus -
eine dieser heiligen Quellen
in der Bretagne
siehe auch folgenden link:
http://www.ksta.de/roesrath/kunstprojekt-erinnerungen-in-stein-speichern,15189238,21450740.html